Von Kühen, Jagdfalken und vom Erlkönig

Vorhang auf…

Mittwoch war es, glaub‘ ich. Abendsonne und Aftertourbier vor dem Bikerhotel. Freier Blick auf die Berge und die vorbeiführende Landstraße. Wir erzählten uns gerade Ducati-Witze, als er auf den Hof einbog. RS4 mit Anhänger, darauf gut verzurrt und in der Abendsonne glänzend … eine rot schimmernde Hayabusa, blank poliert.
„Mmmhh … wer hat, der hat!“, murmelte Rainer müde, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schloss die Augen und hielt sein Gesicht wieder in die schwächliche Abendsonne.
Der Rennkombi kurvte ein wenig ziellos auf dem Vorplatz herum, stoppte dann aber und Herr und Frau Hayabusa kletterten heraus. Uns abgerissene Gestalten keines Blickes würdigend, stöckelte Frau H., ihr braun-güldenes Täschlein elegant über der Schulter, mit hoch erhobenem Köpfchen und schnellen, kurzen Schritten zum Hoteleingang. Er hingegen, gekleidet wie ein Anwalt im Golfklub, machte sich an seinem Hightech-Anhänger zu schaffen. Da er uns ebenfalls nicht wahrzunehmen schien, ließen wir ihn sein Geschoss alleine vom Hänger zerren. Ungeschickt wirkte er nicht, aber es dauerte trotzdem. Entspannt und unauffällig beobachteten wir seine Bemühungen.
Er schob sein Prachtstück dann zunächst in Richtung unserer schmutzigen Mopeds, zögerte dann kurz, man hätte sogar fast den Eindruck gewinnen können, dass eine unsichtbare Kraft  ihn daran hindern wollte, dann aber schaffte er es doch, er stellte seine Maschine direkt neben meine. Das war nun nicht etwa ein höhere Fügung, es war der einzige Platz, der auf dem Hof noch frei war.
Nun endlich kam er auf uns zu und rieb sich die Hände. „Na …!“, sagte er.
„Tach auch …! Auch dabei, bei der Tour morgen?“, fragte Olaf höflich.
Höflich musste er alleine deshalb schon fragen, weil er als Touguide zum Personal zählt.
„Denke schon. Eure Böcke da?“, fragte Herr H. und grinste ein wenig mitleidig, wie ich fand. Ich kann mich aber auch getäuscht haben.
„Jau…!“, murmelte Olaf, immer noch höflich. Denn wie gesagt …
Die anderen Jungs erhoben sich müde, irgendwelche Abschiedsfloskeln murmelnd, verzog sich die gesamte Gruppe, vermutlich unter die Duschen oder an die Theke. Wobei man eigentlich davon ausgehen sollte, dass in unserem Kulturkreis eine fast  selbstverständliche  Reihenfolge vorgegeben ist. Eigentlich …
Freundlich und kontaktfreudig wie ich nun mal bin, schlenderte ich gemütlich zur Hayabusa rüber. Herr H. schlenderte hinterher. Wahrscheinlich mangels anderer Alternativen, stöckelte dann auch noch Frau H. hinterher. Knallenge Lederhose und ein wirklich sehr ansehnlicher … ich meine, das gebietet alleine schon die Fairness, dass man die Mühe, die sie sich mit der Auswahl ihrer Kleidung gemacht hatte … nein, wirklich schön. Ich bemühte mich ernsthaft, respektvolle Bewunderung erkennen zu lassen.
Mehr freundlich als neugierig umrundete ich die überirdisch glänzende Japanerin.
Wobei ich jetzt die Hayabusa meine, nicht etwa Frau H.
„Hab‘ ein bisschen was am Lufteinlass verbessert, anderes Ram-Air-System, bringt noch mal mehr Leistung“, erklärte Herr H. und klopfte mit dem Knöchel vorsichtig auf einen herausragenden, meiner Meinung nach aber ziemlich hässlichen Plastikknubbel.
„195 PS „, lächelte Frau H. stolz und deutete mit ihrem rechten Zeigefinger auf den Tacho. Vermutlich glaubte sie, dass sich all die Pferdchen dort versteckten.
Beeindruckt studierte ich die kleinen Glitzersteinchen … auf ihrem gepflegten Fingernagel. Herr H. schien aber wohl zu glauben, dass mich die Skalierung des Tachos derartig faszinierte, dass er sich deshalb scheinbar genötigt sah, zahlreiche technische Erklärungen und Erläuterungen abzugeben. Ich nickte gelegentlich, stellte aber keine Fragen. Vielleicht deshalb, vielleicht aber auch wegen Frau H. , die inzwischen eher auffällig als dezent, immer häufiger auf ihre Cartieruhr blickte, beendete er dann seinen Vortrag. Seiner Begleiterin hatte er es sicherlich schon mehrfach erklärt, mir wollte er es aber auch nicht vorenthalten, deshalb deutete er noch einmal auf den Tacho und grinste:
„300 reicht nicht ganz, da geht noch ein bisschen mehr. Da ist richtig Feuer drin … !“
Angemessen ehrfurchtsvoll glotzte ich in die dunklen Ansaugöffnungen des Ram-Air-Systems … etwa so fachkundig, wie ein ganz normales Mastschwein in ein Uhrwerk.
Auch die wirklich tollen, superteuren Felgen und -vor allen Dingen die Reifen- der Hayabusa, bewunderte ich angemessen. Nach Aussage von Herrn H. -messerscharf angefahren- knapp 100 Kilometer alt. Frau H. nickte bestätigend.
„Grip ohne Ende … auch in extremen Schräglagen. Muss schon sein …“, dozierte er und tätschelte seiner mutmaßlichen Gemahlin kurz das proppere Gesäß.
Ich deutete zufrieden auf meine optisch wesentlich bescheideneren Tourance EXP und gab ihm recht. Grip ist schon wichtig. Zugegeben, diese breiten Renngummis machen schon mehr her, aber …
„Ein gewisse Ähnlichkeit mit meinem Mountainbike“, schmunzelte Herr H. Ich will jetzt nicht sagen, dass er herablassend schmunzelte, aber …
Dann erklärte er mir noch, dass Hayabusa die japanische Bezeichnung für Jagdfalke sei … und,  dass meine GS bekannterweise ja auch einen Tiernamen trüge.
„Kuh … wegen der Euter wahrscheinlich“, klärte er mich mitleidig lächelnd auf.
Dass Milch Kraft gäbe, fiel mir daraufhin nur ein. Kraft sei relativ, aber die Boxer wären ja auch nicht für Hochleistungen konzipiert. Mehr so für das gemütliche Tourenfahren.
„Die riegeln doch schon so bei 6000 Touren ab, wahrscheinlich damit die bayrischen Bierkrüge nicht an den Seiten rausfliegen…..“ Herr H. rollte sich fast auf dem Hof und seine Tante lachte pflichtgemäß mit, ein wenig gekünstelt zwar, aber dafür mit einem schönen glockenhellen Stimmchen.
Wo meine aufhöre,  mit der Leistungsabgabe, da fängt seine mal gerade erst an, musste ich noch lernen. Mein Schweigen deutete er wohl als nachdenkliche Zustimmung.
„Leistung ist durch nichts zu ersetzen … da kommst Du auch noch dahinter…aber jedem dass, was er so vertragen kann „, gestand er mir großzügig zu, „ … was ist das denn für ein Modell, deine da. Ich kenn‘ mich mit diesen … naja … nicht so aus. Das ist ‘ne 1200er…oder?“ Frau H. hatte sich inzwischen abgewendet und überprüfte ihr Make-up in einem kleinen aufklappbaren Taschenspiegel. Ihre Geduld schien erschöpft zu sein.
Ich nickte und lächelte dankbar, alleine schon wegen seines Interesses. Das hat man ja auch nicht so oft, dass sich diese Experten für eine ganz gewöhnliche GS interessieren.
„Das ist aber kein Serienschalldämpfer … oder? Der sieht aus, als ob du ihn selber gebastelt hättest. Diese Schweißnähte, echt rustikal!“, bemerkte er dann noch amüsiert.
„Das ist ein Zach. Gute alte Handwerkskunst. Made in Germany. Bringt zwar nicht mehr Leistung, klingt aber gut …“ Ich klopfte beweisend auf das Edelstahlrohr. Es klang gut!
„Klingt aber gut, klasse … den muss ich mir merken.“ Herr H. war sichtlich amüsiert.
„Wir sehen uns dann spätestens morgen“, verabschiedete ich mich, doch ein klein wenig betroffen. Herr H. nickte huldvoll und wandte sich wieder seiner Begleiterin zu.
Frau H. hatte inzwischen einen Fotoapparat aus ihrer Handtasche gezogen und gab ihrem mutmaßlichen Gatten genaue Positionsanweisungen. Der stützte sich dann auch etwas ungelenk auf dem Tank seines Boliden ab und strahlte ins Objektiv. Trotzdem, ein schönes Bild.
Ich schlurfte ins Hotel und überlegte, ob ich vielleicht direkt an die Theke … ?

Nächster Morgen

8.55 Uhr. Herr H. kommt überpünktlich aus dem Hoteleingang marschiert. Wobei, -marschiert- ist vielleicht nicht das richtige Wort. Clint Eastwood hatte in seinen schlechteren Filmen immer diesen Gang. So eine Mischung aus „Hose voll“ und „Wer zieht schneller…?“ Gewandet war er in ein Kostüm, welches mich sehr stark an den damaligen Blockbuster „Robocop gegen Godzilla“ (oder so ähnlich) erinnerte.
Känguruleder … Carbon … Titan … und was sonst noch kein Mensch braucht.
„Ich fahre als Letzter. Da kann ich dann auch mal zwischendurch ein bisschen Gas geben.
Nach dem freien Fahren warte ich aber … keine Sorge!“, verkündete er. Niemand machte sich Sorgen …und außerdem … Wer widerspricht schon Robocop? Ich hielt ihm lediglich die signalgelbe Weste entgegen, das hier übliche Kleidungsstück für den letzten Fahrer.
„Ne, lass mal, da bleib‘ du mal lieber hinten. Mit dem Ding sehe ich ja sonst aus, furchtbar. “ Kopfschüttelnd wies er mein Angebot zurück. Er stülpte sich einen dieser Darth Vader-Helme über und zerrte sich dann noch dazu passende Frankenstein-Handschuhe über die Hände. Alles in allem, ein imposanter Anblick. Bei einem dieser Kinderfeste im “Hort der barmherzigen Schwestern Mariäns“ würde er in diesem Aufzug wahrscheinlich eine Massenpanik auslösen, Dutzende unschuldiger Kinderseelen für immer und ewig in die hilflosen Hände überforderter Psychotherapeuten treiben.
Jetzt könnt ihr euch vielleicht etwas besser vorstellen, wie er ausgesehen hat.
Nun gut, auf der Hayabusa wirkte er dann aber eher so, wie man sich landläufig den Reiter in diesem berühmten Gedicht vorstellt. Ich zumindest, in einer modernen Fassung.
Wer reitet so spät … kennt ihr doch! Das geht aber noch weiter … Goethe war’s.

Ich lieb dich, mich reizt deine schöne Gestalt,
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an,
Erlkönig hat mir ein Leid angetan.(Eigentlich heißt es ja:-Leids getan- Find‘ ich aber blöd)

Keine Ahnung, wie ich jetzt darauf komme? Komisch … oder?

Die anderen Kollegen waren eher zweckmäßig gekleidet. Der Rainer auf seiner 1150er trug wie immer seinen ausgewaschenen Jeansanzug, die Vierzylinderfraktion das übliche schwarze Leder. Nur Frank auf der Aprilia fiel etwas aus dem Rahmen. Er hatte sich eine bunte Lederkombi, eine von diesen Papageienkombis übergezogen, aber gut, neuer Tag … neue Kluft. Vielleicht macht sie ihn ja schneller, seine Papageienkombi.
Kurze Einweisung durch Olaf. Der Robocop klärte Olaf dann auf, dass er die Strecke kenne, und fragte dann noch knapp und militärisch, wo er denn warten solle, nach dem freien Fahren … natürlich.
„Am besten … du stellst dich neben die gelbe GS hier!“, erklärte ihm Olaf und deutete auf meine inzwischen leise grummelnde Kuh.
Herr H. drehte sich langsam … wie der Terminator mit leeren Batterien; ganz langsam also, eher ein wenig verkrampft auf seinem Jagdfalken hockend, zu mir hin, und glotzte  ungläubig unter seinem verspiegelten Visier heraus auf meinen geöffneten Klapphelm.
Ich nahm meine Fielmannbrille ab, natürlich nur um sie blitzblank zu putzen, und wies Robocop dann freundlich auf meine schöne schwarze Schnabelverbreiterung hin. Daran wäre meine gelbe GS deutlich von eventuellen anderen baugleichen Exemplaren zu unterscheiden. Die gibt es ja öfter hier oben, diese Gelben.
„Schnabelverbreiterung……..!?“ zischte Robocop ungläubig und versuchte dann aber auch sofort, eine Respekt einflößende Sitzposition einzunehmen.
Dann ging es auch schon los.
Ich nahm die mir zugewiesene Position am Ende der Gruppe ein. Zumindest versuchte ich es. Die Hayabusa fuhr wilde Schlangenlinien und fauchte heiser ihre Wut über das gemächliche Anfangstempo in die klare Alpenluft.
Robocop versuchte währenddessen eine Sitzposition einzunehmen, welche eine eventuelle Familienplanung nicht grundsätzlich unmöglich machen würde.
Irgendwann beruhigte sich die Lage und die erste geplante Passauffahrt kam in Sicht.
Olaf gab Zeichen….! Niemand zuckte …! Warum nicht ?  Nun, am gestrigen Tage hatte sich eine gewisse Reihenfolge; um nicht zu sagen – Rangfolge- ergeben.
So ist das hier eben. So war es schon immer … und so wird es wohl auch bleiben.
Unser Hayabusa-Pilot schien das nicht zu wissen, vielleicht wusste er es aber auch und es interessierte ihn nur nicht … solche Leute gibt’s ja.
Robocop und sein Jagdfalke hüpften förmlich auf und ab. Kaum zu bändigende Kräfte schienen am Werk zu sein. Er schien aber das Signal nicht mitbekommen zu haben.
Olaf hatte soeben … FEUER FREI … angezeigt.
Ich zuckelte mit weitem Abstand langsam an ihm vorbei. Jetzt … endlich hatte er es auch kapiert. Mit einem infernalischem Aufschrei stürmte die Hayabusa los. So knapp an den ersten Vorderleuten vorbei, dass ich zuerst dachte, der würde ihnen die Spiegel vom Lenker reißen. Die gesamte Reihe schwankt wie Schilfrohr im Wind … derart ungestüm zieht der gute alte Robocop ab. Heiser röhrend, schießt der glänzende Jagdfalke davon.
Durchaus seiner Pflicht bewusst, treibt der Boxer die Kuh voran. Der Zach darf endlich richtig brüllen, das macht er gerne, das kann er gut … aber das ist ja auch sein Job.
Robocop bremst hart in die erste Kurve und treibt seinen 195 armen Gäulen, auf der dann folgenden langen Steigung, gnadenlos die Sporen in die Flanken.
Obwohl der Boxer die arme Kuh ebenso gnadenlos die Steigung heraufprügelte, es reichte nicht. Es reichte einfach nicht, um in die Schlagdistanz zu kommen.
Aber was soll’s, wozu haben die Ösis schließlich die Kurven erfunden.
Rot, glänzend und scheinbar unaufhaltsam, stürmte Robocop voraus. Aber ich wusste … die harten Kehren kommen noch. Und wie versprochen … da war er schon.
Leicht schlingernd bremst er das rote japanische Mistvieh auf die erste Kehre ein.
Ich halte voll drauf … hinten und vorne Sinterbeläge, da geht ordentlich was. Wir haben aber auch noch mehr dabei. Für den hier unbedingt notwendigen Bremsdruck sorgt nämlich der gute alte BKV, der elektrische. Geleitet wird das Bremsorchester von einem  bekannten Dirigenten, dem allseits beliebten … Mr. ABS !
Bremst du zu stark, macht er den Rest. So sieht’s aus … meine Damen und Herrn.
Auf geht’s. Die Sonne scheint, die Haare fliegen. Winselnd geht die Kuh in die Knie.
Immer mindestens 2,6 bar auf dem Vorderfuß. Das gibt Halt … auch wenn es stürmt und schneit. Die EXPs rubbeln ein wenig und die Regelelektronik kann sich wieder einmal nicht entscheiden. Ratternd beißen die Sinterbeläge immer wieder in ihre drei Stahlscheiben. Innerhalb von Millisekunden ändert sich die Druckverteilung, die Sensoren geben pausenlos jede kleinste Veränderung weiter. Die Kuh zittert, die Kuh wankt … aber sie kämpft  … und … sie hält uns auf der Straße. Das ist meine Kuh! So kenne ich sie.
Natürlich war das wieder knapp … es ist oft knapp. Manchmal sogar verdammt knapp.
Aber … es passt! Bisher hat es noch immer gepasst. Einen schönen Gruß … an Mr. ABS!
Hoffentlich kein Verkehr auf der Gegenspur. Aber der trifft dann ja erstmal auf Alu und Plastik aus Yokohama … oder wo auch immer dieser Hayabusas zusammengedengelt werden … und deshalb, die ganze Straße für den Schwung … und ab geht die Post, die Gelbe.
Der Drehzahlbegrenzer muss mal wieder die Pleuellager retten, das ist seine Aufgabe, dafür hat man ihn dabei. Keinen überflüssigen Firlefanz mitschleppen … nur die Dinge an Bord haben, die man wirklich braucht. Na gut, die Schnabelverbreiterung … ich weiß!
Ja, wen haben wir denn da? Da isser ja! Kämpft ganz ordentlich, der Kamerad Robocop!
Die nächste Gerade rettet ihn noch einmal … aber wo Licht ist, da ist auch Schatten … und nach der Geraden kommt die Krumme.
Und da ist sie auch schon … ein bisschen früh für unseren Robocop. Der wirft gewaltig den Anker … bin mal gespannt, wie er die 6 Zentner (glaub‘ ich) wieder einfängt…?! Uuuiiihhh, gar nicht mal schlecht!
Die nächste Kurvenkombination ist für Fortgeschrittene. Robocop hängt kurz das Knie raus. Warum macht er das? Keine Ahnung, aber auch keine Zeit um darüber nachzudenken. Ich versuche es außen. Mit dem ausgeklappten Knie hat er sich ja nun festgelegt. Damit muss er auf seiner Linie bleiben. Er blockt mich ab … na gut … was soll’s … wahrscheinlich hat er mich überhaupt nicht gesehen, so bucklig, wie der auf seiner Kiste hockt.
Aber der Tag ist jung und die Strecke ist kurvig. Kurvig und steil. Hinten sind die Schweine fett … !

Am vorher festgelegten Haltepunkt stelle ich die Kuh ab. Die schöne schwarze Schnabelverbreiterung präsentiere ich so auffällig wie nur irgend möglich. Sogar auf den Hauptständer wuchte ich das fette Tier. Gesehen werden ist alles … sonst heizt der nachher noch vorbei … bei dem Adrenalinspiegel den er nun haben dürfte, stehen dem mit Sicherheit die Glupschaugen wie Trommelstöcke aus dem Schädel.
Ein paar Minuten wird es wohl noch dauern, bis der Robocop hier eintrifft. Genau weiß man das nie. In der Zwischenzeit könnte man ja mal ein wenig nachdenken. Oder …?
Ich behalte meinen Klapphelm auf dem Kopf, klappe nur das Unterteil hoch und die Sonnenblende runter. Ich finde, das wirkt dann irgendwie cooler, vor allem mit einer brennenden Kippe zwischen den zusammengekniffenen Lippen. So ein bisschen wie Clint Eastwood … in seinen besseren Filmen. Ja, ich weiß, Klapphelm und Goretexjacke. Natürlich wirkt das schwach, ältlich, überhaupt nicht … kein bisschen dynamisch, eben.
Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass mir so ein Klon-Krieger-Kostüm steht, so ein Robocop-Outfit. Wie sähe das auch aus, Robocop auf einer GS … ?! Das geht nicht, das geht gar nicht! Da bräuchte ich dann auch ein anderes Motorrad. So einen Hightech-Reiskocher. Die haben die tollsten Gimmicks verbaut. Nur, wozu? Wer braucht so was?
Aber jetzt mal ehrlich, dieses … Dingens … dieses Ram-Air-System, wozu soll das eigentlich gut sein? Jetzt aber mal wirklich ganz ehrlich, was soll das?
Genug sinniert, denn da kommt auch schon Rainer mit seiner 1150er angezuckelt und ich muss aus dem Weg springen, weil er trotz seiner Stollenreifen auf Schotter extrem vorsichtig bremst. Rainer ist mehr der Straßenfahrer, Schotter mag er weniger.
„Warum hast du eigentlich diese Stollenreifen drauf?“, frage ich ihn, als er dann  endlich abgestiegen ist und sich Helm und Handschuhe ausgezogen hat.
„Sonderposten, habe ich für die Hälfte bekommen. Schmieren hin und wieder in den Kehren, geht aber … man muss eben ein bisschen aufpassen. Warum ziehst du denn den Helm nicht aus?“
Dumpf aufheulend und hektisch herunterschaltend, rauschen der Jagdfalke und Robocop auf uns zu. Der breite Hinterreifen verursacht auf dem geschotterten Platz ein prasselndes, dumpfes Rauschen. Leicht wippend kommen sie zum Stillstand.
Wild mit dem linken Fuß stochernd, versucht Robocop den Seitenständer nach unten zu bewegen. Nach gefühlten 30 Sekunden gelingt ihm dies schließlich auch. Mehr hüpfend als gleitend, trennt er sich von seinem Gerät. Gebückt und breitbeinig eilt er auf uns zu. Auf diesem kurzen Weg zerrt und drückt er beidhändig an seinem Helm herum.
Mit einem kräftigen Ruck zerrt er ihn dann endlich über seinen rot angelaufenen Kopf.
Seine ehemalige Frisur erinnert mich an diesen Schauspieler; ich komme jetzt nicht auf den Namen … der spielt aber meistens irgendwelche Psychopathen.
Er starrte von unten in die offene Halbkugel, als ob er irgend etwas suchen würde. Er erinnert mich immer mehr an diesen Schauspieler. Verdammt, wie hieß der noch gleich?
„Scheißbienenviecher …“, fauchte er. Wobei, Bienen sind mir in diesen Höhenlagen bisher eher selten aufgefallen.
„Hat dich dieser bescheuerte Holländer euch auch nicht direkt vorbeigelassen …?“, wollte er dann aufgeregt von Rainer und mir wissen. Ich erinnerte mich kurz an einen im Schritttempo bergauf zuckelnden Kleinwagen mit gelbem Nummernschild. An dem vorbeizukommen, war allerdings kein bisschen schwieriger, als einem weinenden Säugling den Schnuller abzunehmen.
„Ihr geht aber ziemlich weit auf die andere Seite, in den Kurven….“, presste er heraus. Hörte ich da ein kleinwenig so etwas wie ein Zittern in seiner Stimme.
O.k, zugegeben, ich habe ihn in dieser Rechtskurve außen überholt, die war aber gut einsehbar. Da kann man dann schon mal ein wenig auf die andere Seite gehen. Finde ich jedenfalls.
„Macht nen ganz schönen Krach, dein Auspuff …“, quetschte er dann noch heraus.
„Loud pipes save lifes…“, ließ ich verlauten.
Sei’s drum. Wir hatten dann an diesem Tag doch noch viel Spaß. Rainer und ich jedenfalls. Es war nämlich die 8-Pässe-Tour. Die Aprilia musste an diesem Tag leider vorzeitig aus dem neuen Rangordnungswettbewerb aussteigen. Aber nur ein kaputter Spiegel … und ein paar Abschürfungen … und ein verbogener Fußbremshebel … mehr war nicht.
Diese Hayabusas allerdings, die müssen aus mir noch unbekannten Gründen, scheinbar eine erschreckende Blockadereaktion bei sämtlichen PKW-Fahrern hervorrufen.
Jedenfalls nach Aussage von Robocop. Fast alle PKW versuchten ihn bei den dann noch folgenden Passfahrten, irgendwie am Weiterkommen zu hindern. Zumindest an einem zügigen Weiterkommen.
Rainers Welt allerdings, war endlich wieder in Ordnung. Er hatte wenigstens an diesem Tag einen fast ebenbürtigen Gegner. Am Ende des Tages stand es dann -5:3- für die 1150er mit den Stollenreifen. Beim fairen Kampf um den zweiten Platz.
Am nächsten Tag dann war Robocop nicht mehr dabei. Dringende Geschäfte riefen ihn zurück, wie er traurig verkündete. Selbst Frau Robocop schien sehr überrascht über diese plötzliche Unverzichtbarkeit ihres Gatten.
Vorher allerdings, konnte ich aus dem Fenster meines Hotelzimmer beobachten, wie der Hayabusa-Bändiger um meine gelbe Kuh herumschlich.
Er ging in die Hocke und peilte interessiert die Lenkererhöhungen an. Er befingerte sogar die Euter. Fast andächtig strich über den Zach, selbst das EXP-bereifte Hinterrad bekam ungewohnte Streicheleinheiten ab. Vielleicht dachte er dabei ja an sein Mountainbike daheim. Manche hegen eben eigenartige Gefühle für ihre Zweiräder.

Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof nur mit Mühe und Not,
In seinen Armen das Kind war schon tot.

Da, schon wieder ….!!!!
Es überkommt mich einfach, die unterstrichenen Wörter habe ich eingefügt. Goethe fand die wohl überflüssig. Naja, er hätte wohl den restlichen Text auch überflüssig gefunden.
Der war eben kein Motorradfahrer … der große Dichterfürst.

The End

www.kuhjote.de

 

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