Locomotive Breath

..Mittlerweile hatte ich sie im Griff. Die Goldwing…irgendwas um die 350 kg…leer natürlich.
Anfangs war das Handling etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem für Jemanden, der bis dahin überwiegend Einzylinder-Enduros bevorzugt hatte. In einem Anfall geistiger Umnachtung und nach einem Messebesuch, Motorradmesse natürlich, hatte ich beschlossen ruhiger zu werden. Deutlich ruhiger. Irgendwann muss es doch auch mal gut sein. Schluss damit, mit diesem Herumtoben auf Feldwegen und kleinen Sträßchen. So ein Monstertourer mit allen Schikanen…das beruhigt und ist auch was fürs Auge.
Nun, es war ein schöner sonniger Tag und ich hatte zudem eine neue Sozia. Brandneu. Eine Entjungferung gewissermaßen. Kerstin war noch nie auf einem Motorrad mitgefahren. Sie hatte einfach Angst, bisher jedenfalls. Der bequeme Reisedampfer schien aber eine beruhigende Wirkung auf ängstliche Naturen auszustrahlen. Zufälligerweise hatte ich auch noch einen passenden Helm. O.K, … passend? Aber immerhin doch so passend, dass einer gemütlichen Ausfahrt nichts mehr im Wege stand. Natürlich hatte ich ihr hoch und heilig versprechen müssen, eine gemäßigte Gangart einzuhalten. Was denn? Logisch, wir fahren Goldwing. Kein schnödes Allerweltsmotorrad … sondern Goldwing. Sessel, Radio, Klimaanlage … Goldwing eben.
Klare Kiste, wir werden in den Sonnenuntergang reiten und dabei die Landschaft genießen. Den Fahrtwind um die …äähh … Verkleidung streichen lassen und überhaupt … alles wird gut. Vorsichtig, sehr vorsichtig, kletterte sie dann auf den rückwärtigen Fernsehsessel.
Ebenfalls sehr vorsichtig, manövrierte ich das nun deutlich mehr als eine halbe Tonne wiegende Schlachtschiff durchs Dorf. Danach schön gemütlich durch Wald und Flur. Der sechszylindrige Boxer summte wie ein Staubsauger mit vollem Beutel und Kerstin entspannte sich spürbar. Während wir so dahinglitten legte ich mir schon mal einen Aftertourplan zurecht. Meine Sozia war völlig ahnungslos und sollte es vorläufig auch bleiben. Schön anwärmen, danach zum Italiener … und dann die altbewährte Kerzen und Rotwein Nummer. Klappt fast immer.
Zum Anwärmen gut geeignet schien mir meine Spezialkassette Nr 3.
Beschaulicher Softrock … alles selbst zusammengestellt und erfolgreich erprobt.

By yon bonnie banks
and by yon bonnie braes
Where the suns shines on Loch Lomond
Where me and my true love spent many days
On the banks of Loch Lomond

Runrig gaben alles um meinen Abend zu einem Erfolg werden zu lassen. Extrem gefühlvoller Song. Ich drehte die geschwindigkeitsabhängigen Lautsprecher manuell etwas höher. Goldwing  fahren in seiner reinsten Form. Windgeschützt und perfekt stoßgedämpft durch die Landschaft gondeln und Musik hören. Darauf hätte ich auch früher kommen können. Aber besser spät, als nie. Und überhaupt, diese blöde Heizerei bringt doch nichts. Nur gefährlich und irgendwann ist man einfach raus … aus dem Alter. Klare Sache, in Zukunft war beschauliches Touren angesagt.

AC-DC übertönte plötzlich die soften Schotten. Neben uns, an der eigentlich völlig überflüssigen Ampel, stoppte ein Alteisen aus Milwaukee. Der Kollege sah aus wie ein richtig böser Bube. Tätowierte Arme, Lederweste, Cowboystiefel …. ein echter Klappstuhl. Seine Maus allerdings … ein echtes Mörderteil. Geschnürtes Lederoberteil mit viel Einblick. Der war überdies auch noch lohnend. Kurze Lederhose … verdammt kurze Lederhose.
Meine Güte…was für ein Schuss!

You’ll take the high road
and I’ll take the low road……

Runrig säuselte sein Paradestück plötzlich irgendwie völlig unpassend aus der Verkleidung heraus. Der harte metallische Sound aus den nachbarlichen Lautsprechern passte gut zu dem dumpfen Wummern der E-Glide. Die dröhnte sofort bei Gelb los und die Ledermaus wippte mit dem Oberkörper zurück, ein leicht arrogantes Lächeln auf den hübschen Gesichtszügen.
Kerstin erstarrte ein wenig hinter mir. Im direkten Vergleich …Marianne Rosenberg (alte Version) gegen Madonna.
Ich meine … was soll das? Was ist denn das für eine Art? Da steht man an einem sonnigen Nachmittag an einer Ampel herum … nichts Böses im Sinn, und dann kommt da so ein Herrgottsschnitzer mit seiner Rockermatratze und macht den Hermann. Was denn? Hab‘ ich vielleicht ‘ne Pappnase im Gesicht … oder trage ich einen Tirolerhut?
Während ich dem akustischen Umweltverschmutzer am Hinterrad klebte, wechselte ich schnell mit der linken Hand die Kassette aus. Kein Problem bei einer Goldwing. Bei 50 in den fünften Gang..und die Kupplungshand ist arbeitslos.

In the shuffelin madness
of the locomotive breath
runs the all-time loser
headlong to his death…..

Ian Anderson gab meine Gefühlslage gut wieder. Erst den Lautstärkeregler bis an den Anschlag … dann die linke Pfote zur Kupplung. Zweimal mit links zugetreten und der Antriebsstrang straffte sich. Das heftige Wippen beim Beschleunigen tockte kurz Kerstins Helm gegen meinen.. Sie umschlang mich plötzlich mit ungeahnter Kraft. Ich jagte die plötzlich zornig brummende Wing an den Heavy-Metalls vorbei . Meine Fresse, was hätte ich denn machen sollen?
Es pochte! Wenn es pocht … scheiß drauf! Während es so pochte, keuchte der einbeinige Anderson auch noch laut und vernehmlich in seine teuflische Querflöte.

no way to slow down
He hears the silence howling..

Die Monsterfuhre pfiff in ordentlicher Schräglage um die nächste Kurve. Ordentlich heißt in diesem Fall … es schliff ein wenig. Aber das ist nicht schlimm. Goldwing … schleift eben manchmal. Normal!
Das trompetende Geräusch der Harley wurde immer lauter. Sie schoben sich direkt neben uns. Der Tätowierte blickte kurz mit zusammengekniffenem Mund herüber. Arschloch…! Ich zeigte ihm die Zähne und knallte den Vierten rein. Die Wing wippt bei plötzlicher Volllast immer kurz wie eine Schiffschaukel, beruhigt sich dann aber sofort wieder. Kerstin entwickelte Anakondakräfte und strampelte ein wenig mit den Beinen.

and the all-time winner
has got him by the balls……

Dann wollen wir doch mal sehen, wo der Bartel den Hammer hingehängt hat.
Wir jagten im Parallelflug auf eine Kreuzung zu. Draufhalten, immer draufhalten. Wer bremst schon auf einer Vorfahrtstraße? Die Ledermaus klammerte sich wie ihre Leidensgenossin eng um ihren Tätowierten. Die Luftschleppe der beiden Trümmer erzeugte einen Sog, der die Büsche am Straßenrand unkontrollierte schwanken ließ.
Ein ahnungsloser Fahrradfahrer geriet ebenfalls kurz in unseren Abgasstrahl. Er wurde fast auf den Gehweg gedrückt. Im Rückspiegel konnte ich erkennen, dass er anhielt, die Sonnenbrille abnahm, und sich suchend nach seiner albernen Kappe umsah.

the train it won’t stopp going
no way to slow down…..

Nun wurde es langsam kurviger auf der Strecke. Wenn man rechtzeitig und kräftig genug den Anker wirft, wackelt das Schiff zwar ein wenig, verzögert dabei ganz anständig. Das kannte Kerstin so noch nicht und schob mich ein wenig in Richtung Tank. Irgendwie, noch mit zu viel Enduro-Gefühl, kippte ich das Monstrum in die Schräglage, gleichzeitig trampelte ich durchs Getriebe um schön herausbeschleunigen zu können. Krachend und schleifend setzte irgendein Bauteil auf und schüttelte das Gefährt durch. Das muss sie abkönnen … die Goldwing. Wenn sie das nicht abkann, dann hätte sie eben kein Motorrad werden dürfen. Wenn man die Kupplung zu schnell kommen lässt, blockiert das Hinterrad kurz, strafft aber auch die ganze Fuhre ein bisschen. Zwischengas bringt manchmal was. Es geht aber auch ohne. So ein blockierendes Hinterrad ist nicht schlimm, aber auch nicht schön, denn das kostet unter Umständen wertvolle Zehntelsekunden. Diese verfickte Fußraste quetschte mir fast den Fuß ab. Das verdammte Drecksding schleif ich noch runter. Irgendwelche Plastikteile schabten kratzend über den Asphalt. Alles nur überflüssiges Material. Braucht kein Mensch…!
Volles Beschleunigen bergauf, schlägt bei voller Beladung immer die hinteren Dämpfer auf den Block. Ist eben so … da kann man nichts machen. Immer schön bis in den Begrenzer … mit zwei Mann Besatzung braucht man Drehzahl. Der Motor kann das ab.
Null… Problemo.
Wir lagen klar vorne. Aber anstatt sich zu freuen, schlug Kerstin mit beiden Fäusten schreiend auf mich ein.
Schon klar … erst die Ängstliche spielen, und nachher kann es ihnen nicht schnell genug gehen. Was soll ich denn machen Süße? Mehr kann ich aus der Kiste wirklich nicht herausholen. Irgendwas schrie sie auch noch die ganze Zeit. Wahnsinn, oder so ähnlich … keine Ahnung, aber es schien ihr zu gefallen. Während Jethro Tull noch ein letztes…no way to slow down…….verkündete, beruhigte sie sich langsam wieder.
Die Harley musste irgendwann abgebogen sein … jedenfalls konnte ich wieder das Cruiserprogramm aktivieren. Immerhin soll das doch ein beschaulicher Ausflug werden.
Die Sache mit dem Italiener und den Kerzen konnte ich mir an diesem Abend allerdings abschminken. Weiber … da steckt man nicht drin.
Wenn man so das erste Mal mitfährt, dann ist man natürlich immer auch ein wenig aufgeregt nachher. Aber Kerstin schien einfach keinen Gefallen am gemütlichen Cruisen zu haben. Vielleicht … wenn ich sie mal auf einer GS mitnehmen würde……?

 

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